Neil MacGregor – Ein Interview

Mit Neil MacGregor aus Großbritannien zeichnete die Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa eine Persönlichkeit aus, die sich auf vorbildliche Weise für das europäische Selbstverständnis einsetzt. Er ist ein einzigartiger Historiker, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kulturell auf erhellende Weise zusammenbringt. Als Akademiker verharrt er nicht im vermeintlichen Elfenbeinturm der Wissenschaft, sondern vermittelt seine historischen Kenntnisse auf innovative Weise.

Was ist die europäische Dimension ihrer Arbeit in Berlin?

Das Humboldt Forum wird mit der Idee bestückt, durch seine außereuropäischen Sammlungen die Geschichte einer langen Auseinandersetzung zwischen Europa und anderen Kulturen auf Augenhöhe zu zeigen. Es erweitert die Museumsinsel, die bisher vor allem die europäischen und mediterranen Sammlungen ausgestellt hat, um einen wichtigen Aspekt. Im Humboldt-Forum sollen jedoch nicht nur Objekte ausgestellt werden. Es soll vor allem darüber debattiert werden, wie wir in den kommenden Jahren mit anderen Kulturräumen in den Dialog treten. Diese Debatte soll für alle Bürger offen sein und im Besonderen ein junges Publikum anziehen.

Wie kann uns das Verständnis von geschichtlichen Abläufen helfen die Europäische Gesellschaft zu verstehen und ein zukünftiges Europa zu formen?

Es geht vor allem darum welches Verständnis von Geschichte hier gemeint ist. Die nationalen Geschichten sind sehr selektiv. Das führt dazu, dass das Basisverständnis, auf welches wir unsere Verhältnisse zu Afrika, Asien und anderen Regionen stützen, in starkem Maße verfälscht ist. Es gilt die Geschichte in diesem Zusammenhang zu reflektieren, neu zu denken und die Unterschiede der Geschichtserzählung in den verschiedenen Ländern zu erkennen. Ich würde dies als eine der wichtigsten europäischen Aufgaben beschreiben.

Womit sollten sich junge Menschen vermehrt auseinander setzen?
Ich würde es in diesem Zusammenhang gerade jungen Menschen empfehlen, sich nicht nur mit der nationalen Geschichte zu beschäftigen, sondern einen Vergleich zwischen den verschiedenen geschichtlichen Auffassungen zu suchen. Für ein Verständnis über die Position Europas in der Welt ist es hingegen wichtig, sich mit der Geschichte Indiens, Chinas und anderen Regionen vor dem 16/17. Jahrhundert auseinander zu setzen.

Sie sind bereits in frühen Jahren überzeugter Europäer gewesen, wie kam es dazu?

Bereits meine Eltern, geprägt vom zweiten Weltkrieg, waren große Verfechter des Europäischen Gedankens. Sie glaubten, dass der Frieden in Europa am besten gesichert werden kann, indem wir als Europäer denken und diesen Gedanken auch leben. Es war mir schon früh wichtig mich dem Erlernen von anderen Sprachen zu widmen und damit andere Kulturen besser zu verstehen. Eine der großen europäischen Fragen ist, ob es möglich ist eine politische demokratische Entität zu Formen, in der sich die gewählten Vertreter nicht auf der Sprache des Wählers äußern können. Darin sehe ich jedoch weniger eine Kritik an der jungen Generation, als eine große Herausforderung für diese.

Photo: Humboldtforum