Inge-Deutschkron-Preis würdigt junges Engagement gegen Antisemitismus

Erinnerung entsteht dort, wo Geschichte nicht nur erzählt, sondern neu erschlossen wird. Vier Berliner Schulprojekte, die am 6. Juli 2026 mit dem Inge-Deutschkron-Preis ausgezeichnet wurden, zeigten genau das: mit eigenen Zugängen zur Geschichte des Nationalsozialismus und Arbeiten, die historische Verantwortung erfahrbar machten.

Der Inge-Deutschkron-Preis erinnert an das Lebenswerk der Berliner Ehrenbürgerin, Autorin und Holocaust-Überlebenden Inge Deutschkron. Über Jahrzehnte setzte sie sich dafür ein, insbesondere junge Menschen über die Verbrechen des Nationalsozialismus aufzuklären: in Schulen, bei Lesungen und in persönlichen Begegnungen. Ihr Vermächtnis ist die Überzeugung, dass Erinnerung kein abgeschlossener Blick in die Vergangenheit ist, sondern eine Haltung, die Verantwortung in der Gegenwart begründet.

Ausgezeichnet wurden Projekte, die sich mit dem Holocaust und den Schicksalen verfolgter Menschen, mit Zivilcourage, mit den Kontinuitäten von Antisemitismus und Rechtsextremismus sowie mit neuen Formen der Erinnerungskultur auseinandersetzen. Die vier prämierten Arbeiten könnten unterschiedlicher kaum sein, erzählen aber dieselbe Geschichte: dass Erinnerung dort lebendig bleibt, wo junge Menschen Fragen stellen, recherchieren, gestalten und Haltung zeigen.

  • Schule an der Alten Feuerwache: „Am schlimmsten ist das Schweigen – Der neue Rattenfänger von Hameln“
    In einem Theaterprojekt übertrugen die Schüler*innen die Geschichte des Rattenfängers in die Zeit des Nationalsozialismus. Durch Schauspiel, Gespräche und gemeinsames Reflektieren machten sie Ausgrenzung, Verführung und Zivilcourage für Kinder erfahrbar.
  • Max-von-Laue-Schule: „Tag der Erinnerung“
    Ein schulweiter Erinnerungs- und Projekttag führte Schüler*innen an historische Orte in Lichterfelde und Dahlem. Aus eigener Recherche entstanden Vorträge, Stadtführungen und eine Ausstellung, die Geschichte dort sichtbar machten, wo sie sich ereignet hat.
  • Löcknitz-Grundschule: „Das Denk-Stein-Projekt“
    Die Schüler*innen erweiterten das bestehende Denkmal auf ihrem Schulhof, recherchierten Biografien der Geehrten, digitalisierten die Ergebnisse und verbanden historisches Lernen mit Musik, öffentlichem Gedenken und lokaler Erinnerungskultur.
  • Ernst-Reuter-Schule: „Audioguide durch das Jüdische Scheunenviertel von Berlin“
    Mit einem selbst entwickelten Audioguide machten die Schüler*innen jüdisches Leben im historischen Scheunenviertel hör- und erlebbar und schufen einen digitalen Zugang zur Geschichte jüdischen Lebens in Berlin.  Dass Erinnerung keine abstrakte Idee ist, sondern eine persönliche Haltung, wurde an diesem Abend vor allem in den Worten der Schüler*innen spürbar. Eine Preisträgerin formulierte: „Dieses Projekt ist ein Versprechen von uns, dass wir nicht aufhören hinzusehen und nicht vergessen lassen.“

Auch Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner hob in seiner Rede die enge Verbundenheit Inge Deutschkrons mit Berlin hervor. Er erinnerte daran, dass jüdisches Leben untrennbar zu Berlin gehört, ebenso wie die Verantwortung, jüdische Geschichte als Teil der Stadtgeschichte sichtbar zu halten. Seine Worte erinnerten daran, dass Erinnerungskultur nicht allein die Vergangenheit betrifft, sondern auch Ausdruck des demokratischen Selbstverständnisses einer offenen Stadtgesellschaft ist.

Prof. Dr. Johannes Tuchel, wissenschaftlicher Berater der Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand, würdigte insbesondere die Qualität der eingereichten Arbeiten: „Ich freue mich, dass wir auch in diesem Jahr wieder so viele interessante, innovative und pädagogisch sehr eingebettete Projekte gehabt haben. Ich denke, Inge Deutschkron hätte an diesen Themen ihre Freude gehabt.“

Auch André Schmitz-Schwarzkopf, Ehrenvorsitzender der Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa, knüpft an das Vermächtnis Inge Deutschkrons an und richtete den Blick auf die jungen Menschen, die dieses weitertragen: „Inge Deutschkrons Vermächtnis und Auftrag lebt in ihrer Stiftung und in diesen jungen Preisträger*innen weiter. Darüber freue ich mich sehr.“

Für Seyran Bostancı, Geschäftsführerin der Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa, liegt gerade darin die besondere Bedeutung des Preises: „Erinnerungskultur lebt davon, dass junge Menschen ihren eigenen Zugang zur Geschichte finden. Der Inge-Deutschkron-Preis zeigt, mit wie viel Neugier, Verantwortung und Kreativität sie dieses Erbe weitertragen. Gerade darin liegt die Hoffnung, dass Erinnerung auch für kommende Generationen lebendig bleibt.“

Der Inge-Deutschkron-Preis wird von der Inge Deutschkron Stiftung gemeinsam mit der Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa und der Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand vergeben. Gefördert wird der Preis von der LOTTO-Stiftung Berlin. Er zeichnet Projekte aus, die historische Bildung mit gesellschaftlichem Engagement verbinden und junge Menschen dazu ermutigen, Erinnerung als Teil demokratischer Verantwortung zu begreifen.

Dieses Projekt ist ein Versprechen von uns, dass wir nicht aufhören hinzusehen und nicht vergessen lassen.

Schülerin der Ernst-Reuter-Schule